Button_Shades1Langersehnt und bald auf der Kinoleinwand – wir alle können die Verfilmung der „Shades of Grey“-Bücher kaum erwarten. Aber wie realistisch ist der SM-Besteller überhaupt? Wer könnte uns das besser beantworten als ein echter Dom. Der „Gentledom“ ist 37, Jurist und Betreiber der gleichnamigen Website, die umfassend über das Thema BDSM aufklärt. In unserem Interview gewährte er uns einen Einblick in die vielen Facetten eines wahren Christian Grey.

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 Warum hast du die Website Gentledom.de ins Leben gerufen?

Der Hintergrund ist ein recht trauriger. Innerhalb von wenigen Wochen wurden zwei meiner Bekannten, die auf der Sub-Seite aktiv sind, missbraucht. Ich entschied mich dazu, über das Thema BDSM – besonders unter dem Aspekt der Sicherheit – aufzuklären. So füllte ich die Seite mit Sachartikeln und Material, das erläuterte, wie man das Ganze technisch richtig umsetzt. Als jemand, der früher viel mit PR zu tun hatte, war mir aber schnell klar, dass reine Information nur wenige Menschen erreichen kann, daher entschied ich mich Infotainment anzubieten, die Aufklärung also durch Unterhaltung interessant zu verpacken. Aus diesem Gedanken heraus wuchs das Projekt und inzwischen finden sich neben den Sachartikeln und Interviews auch sehr viele BDSM-Geschichten und eine eigene Community auf der Seite. Dem Gedanken der Aufklärung blieben wir uns dennoch treu, die Geschichten sollen nicht nur unterhalten, sondern auch Einblicke liefern. In der Community haben wir Paten, welche auf Wunsch BDSM-Neulinge an die Hand nehmen und ihnen mit Rat zur Seite stehen.

Zum ersten Mal erlebte ich, wie intensiv und schön Liebe und BDSM zusammen sein können.

Warum Gentledom? Was macht dich so „gentle“?

Die Frage, was mich zu einem Dom macht, wäre wohl leichter zu beantworten gewesen. Sprachlich wird “gentle” am häufigsten im Englischen genutzt und steht dort für liebenswürdig und gütig. Ich denke, das beschreibt meinen Anspruch an mich selber ganz gut. Ich will als Dom konsequent sein, aber ich bin eben auch jemand, der Höflichkeit und gutes Benehmen außerhalb des Schlafzimmers sehr mag und belohnt. Insbesondere in einer Partnerschaft belohne ich viel lieber, als dass ich bestrafe. Denn Strafe bedeutet für mich wirklich Strafe und stellt kein lustvolles Spiel dar. Ist man auf der aktiven Seite, aber konsequent, muss man eigentlich recht selten bestrafen und kann sich weitaus mehr um die beiderseitig lustvollen Elemente des Spiels kümmern. Ob ich dem Anspruch gentle oder auch Dom gerecht werde, sollten besser andere beurteilen.

Wann hast du deine Neigung zum ersten Mal bemerkt und wie bist du damit umgegangen?

Ich kam zu BDSM wie die Jungfrau zum Kind. Sexuell gesehen war ich eher ein Spätzünder und so war ich mit 22 eigentlich gerade erst dabei, meine Lust zu entdecken, als ich einer Frau begegnet bin, die mehr in mir sah als den netten jungen Mann, als den ich mich bis daher im Kontext der Sexualität gesehen habe. Für mich gab es dennoch nie ein Spannungsfeld und ich konnte meine Neigung sehr schnell akzeptieren. Was sich jedoch mit der Zeit ändern sollte, war meine Einstellung dazu mit wem ich mein BDSM auslebe.

handcuffsWie waren deine ersten Erfahrungen im Bereich BDSM und wie hat sich deine Einstellung verändert?

Für mich waren die ganzen neuen Eindrücke unglaublich spannend, aber ich hatte durchaus auch einen emotionalen Hemmschuh an. In den ersten Jahren konnte ich es mir nicht vorstellen, jemanden zu schlagen oder zu erniedrigen, den ich liebe. Ich war sehr froh, dass jene Frau mit der ich einige Monate nach meiner ersten BDSM-Erfahrung zusammen kam und auch fast sechs Jahre lang bleiben sollte, mir die nötigen Freiheiten gewährt hat. Als ich meine Neigung erkundete, gab es noch keine BDSM-Partnerbörsen und das Kennenlernen war nicht ganz so einfach wie heute. Zum Glück bin ich ein kommunikativer Mensch. Irgendwann hatte ich ein Gefühl dafür, welche Frauen für solche Spielarten offen sind. Einige Wochen nach der Trennung von meiner damaligen Partnerin fing ich eine Affäre mit einer jüngeren Frau an und verliebte mich Hals über Kopf in sie. Damals merkte ich zum ersten Mal, wie intensiv und schön Liebe und BDSM zusammen sein können. Über Jahre hinweg stand es für mich fest, ohne BDSM will ich keine Beziehung mehr führen.

Eine BDSM-Session ist wie eine Art gemeinsamer Tanz. Den Takt und die Bewegungen bestimmt die gemeinsame Lust.

Wie läuft eine Session bei dir ab?

Einem festgelegten Schema folge ich dabei nicht. Es ist eine Art gemeinsamer Tanz und den Takt und die Bewegungen bestimmen die gemeinsame Lust, die Örtlichkeit und viele weitere Faktoren. Es gab Beziehungen, in denen wurden viele Sessions damit eingeleitet, dass ich meiner Partnerin ein Halsband angelegt habe, in anderen Konstellationen war dies eher die Ausnahme oder wurde auch gar nicht gemacht. BDSM entsteht aus dem Zusammenspiel zweier – oder durchaus auch mehr – Menschen, und somit startet man in jeder dieser Beziehungen bei null. Mir selbst bereitet das sexuelle Benutzen am meisten Freude. Das Spiel mit der Lust, mit Erregung und Verweigerung, die Erniedrigung und die Macht, über den anderen zu verfügen –im Rahmen des mir Erlaubten natürlich. Beim Spiel mit dem Lustschmerz hängt es vor allem von meiner Partnerin ab wie intensiv ich dies betreibe, ist sie masochistisch und kann Schmerz in Lust umwandeln, schwinge ich durchaus auch gerne mal die Peitsche. Kann sie es aber nicht, sehe ich es nur als Mittel für eine Sanktion an.

Kannst du noch etwas mehr ins Detail gehen?

Eine Session kann darin bestehen, dass wir abends aus der Stadt heimkommen und ich ihr hinter der Wohnungstür anstatt einem Kuss eine Ohrfeige gebe und sie zu Boden drücke, damit sie mich befriedigt. Aber eben auch darin, dass ich sie im Spielzimmer fixiere, eine Augenbinde anlege, mit Kerzenwachs und einem Rohrstock verwöhne und sie währenddessen immer wieder sexuell stimuliere, aber nicht kommen lasse, und am Ende über sie herfalle, weil ich endlich in ihr sein und auch in ihr kommen will.

Ich kenne mich und meine Lust und weiß, wie schnell aus einem Kuss ein kleines Spiel werden kann.

Hat deine Rolle als Dom Auswirkungen auf deine Alltagspersönlichkeit? Bist du auch im Alltag ein eher dominanter Mann?

Ich gehöre wohl durchaus zu den eher dominanten Persönlichkeiten, wobei ich meist versuche, Menschen zu überzeugen und für mich zu gewinnen. Beruflich wäre es für mich auch ein Problem, wenn ich mich als Jurist nicht durchsetzen könnte. Wenn man mich außerhalb des Jobs kennenlernt, kommt aber meist niemand auf die Idee, ich sei ein Dom im Kontext BDSM. Dafür nehme ich mich viel zu oft selber nicht allzu ernst und bediene wohl keines der typischen Klischees, die uns BDSMlern gerne angedichtet werden.

Wenn du eine Frau kennenlernst – wann und wie sagst du ihr, was Sache ist?

Auch hier habe ich keinen festen Zeitplan. Es gibt aber Situationen, bis wohin ich es spätestens gesagt haben will. Habe ich nur ein sexuelles Interesse an ihr, dann vor dem ersten Kuss. Ich kenne mich und meine Lust und weiß, wie schnell aus einem Kuss ein kleines Spiel werden kann. Wenn die Frau eine potentielle Partnerin fürs Leben ist, dann bringe ich das Thema spätestens dann auf den Tisch, wenn wir beide ein ernsthaftes Interesse aneinander signalisieren. Alles andere wäre unfair.

Tavia SpizerKannst du dir eine Beziehung mit einer Frau vorstellen, die nicht devot ist, bzw. mit BDSM nichts anfangen kann?

Ja, sehr wohl. In einer Beziehung spielen für mich Faktoren wie Loyalität, eine positive Einstellung zum Leben oder auch gemeinsame Perspektiven eine viel größere Rolle als die Eigenschaft „sexuell devot“. BDSM ist für mich auch nicht die alleinig glücklich machende Art der Sexualität. Ich kann auch sehr viel Spaß mit Blümchensex haben und würde in einer Liebesbeziehung diesen durchaus vermissen, wenn nur BDSM unsere Sexualität bestimmen würde. Meine Sturm- und Drangzeit habe ich hinter mir. Vor sieben oder acht Jahren, als das Ausleben meiner BDSM-Neigung ihren Höhepunkt hatte, hätte ich mir eine Beziehung ohne BDSM überhaupt nicht vorstellen können. Inzwischen ist BDSM zwar immer noch reizvoll, aber selbst im sexuellen Kontext, welcher in einer Beziehung sicher eine wichtige, aber eben nicht die wichtigste Rolle spielt, kann ich darauf auch ohne Probleme verzichten. Sollte meine zukünftige Partnerin keine devote Ader haben und mir auch nicht das Recht einräumen, mich außerhalb der Beziehung auszuleben, sollte sie zumindest sexuell aufgeschlossen sein, denn Sex habe ich immer noch sehr gerne und eben nicht nur im Schlafzimmer unter einer warmen Decke.

Wie realistisch ist „Shades of Grey“?

Ich habe das Buch nicht gelesen, aber wie realistisch ist ein 27-jähriger, göttlich aussehender, von Dämonen getriebener Selfmade-Milliardär? Ich weiß, dass das Buch innerhalb der Szene und auch von Buchkritikern sehr viel Kritik einstecken musste. Aber es ist ein Unterhaltungsroman und kein Sachbuch zu irgendwelchen BDSM-Praktiken. Ich traue es der Leserschaft der Buchreihe auf jeden Fall zu, hierbei zu unterscheiden und kritisch zu reflektieren, was von den dargestellten Spielarten nun für sie vielleicht auch in der Realität reizvoll sein könnte.

E. L. James rückte BDSM in die Mitte der Gesellschaft. Dafür bin ich ihr wirklich dankbar.

DominaHat sich die Wahrnehmung von BDSM durch den Bucherfolg verändert? Hat es mehr Akzeptanz in der Gesellschaft gefunden?

Auf jeden Fall und dafür bin ich der Autorin wirklich sehr dankbar. Durch sie rückte BDSM in die Mitte der Gesellschaft, was die Akzeptanz fördert  und mehr Menschen ermutigt, ihre schlummernden Bedürfnisse zu erkunden. Kritisch sehe ich allerdings den Punkt, dass „Shades of Grey“ unschöne und unnötige Klischees manifestiert. Nur Anastasia ist es möglich, diesen so schillernden aber dennoch so verletzlichen Mann zu heilen. Damit ist sie trotz ihrer devoten Rolle eine Heldin, bei der der unnahbare Held endlich die Nähe zulässt, die das Schicksal ihm vorher ein Leben lang verwehrt hat. Eine entwicklungsgestörte Kindheit und das Vorhandensein von Komplexen mag häufiger unter BDSMlern als bei Nicht-BDSMlern vorkommen, aber ich für meinen Teil, hatte eine sehr schöne und behütete Kindheit.

 Warum will seitdem jeder einmal BDSM-Luft schnuppern?

BDSM rückte schon in den letzten Jahren immer mehr in die Mitte der Gesellschaft und derzeit ist es so unglaublich reizvoll, weil es irgendwie noch ein Tabu ist, aber irgendwie auch nicht. Man kann endlich mal verrucht sein, ohne sich schämen zu müssen. Zudem gibt es eine große mediale Aufmerksamkeit und das weckt naturgemäß die Neugier. Dennoch glaube ich, dass es nur selten jemand ausprobieren wird, der nicht auch ein wenig lustvolles Interesse daran verspürt. Für viele war der ganze Rummel vielleicht einfach nur der Auslöser, sich darauf einzulassen. Ohne einen externen Auslöser hätte ich selbst vor damals 15 Jahren BDSM auch kaum für mich entdeckt.

Und sollte tatsächlich jeder BDSM einmal ausprobieren?

Jeder, der Lust dazu verspürt und einen Partner hat, dem er wirklich vertrauen kann. Leider muss ich an dieser Stelle eine kleine Einschränkung machen. Menschen, die in der Vergangenheit eine Gewalterfahrung erlitten haben und dieses traumatische Erlebnis noch nicht aufgearbeitet haben, sollten die Finger von dieser Spielart lassen. BDSM ist und ersetzt keine Therapie. Alle anderen sollen ihrer Fantasie folgen. Wenn es mehr als Handschellen und Rollenspiele sein soll, dann behaltet bitte auch ein wenig die Sicherheitsaspekte im Auge, damit nichts ins Auge geht. Wer sich informieren oder austauschen will, Anregungen oder gar einen BDSM Partner suchen mag, ist herzlich eingeladen auch unsere Community  zu besuchen.

Foto: gennadi+ / photocase.de, Fotolia

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