Aveleen - Richard FöhrIhr Debüt „Seidene Küsse“ hielt sich 2006 über vier Monate auf Platz 1 in der Hitliste der Erotik-Literatur, der Nachfolger “Samtene Nächte” wurde zum Longseller. Das vierte und jüngste literarische Kurzgeschichten-Kind aus ihrer Feder erblickte im Juni 2013 unter dem Titel „Grenzenlose Lust: Erotische Geschichten vom Reisen“ das Licht der Welt. Sie schrieb für E-Book Verlage, ersann prickelnde Storys für die feine Lignerie-Linie Valisèr, ist passionierte Bloggerin, lädt zu Lesungen und schaffte es, auf ihre anregend- unterhaltsame Art sowohl die Damenwelt als auch die „Herren der Schöpfung“ zu begeistern. Wir haben die gut gelaunte Autorin Aveleen Avide zum telefonischen Interview an ihrem Schreibtisch in München erwischt.

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Spätestens mit „Shades of Grey“ ist die erotische Literatur salonfähig geworden. Was ist der Grund für diesen Erfolg? Ist es der Ausgleich zur sexuellen Unlust in deutschen Schlafzimmern?

Nein, dies ist wohl einfach ein weiterer kleiner Schritt in der sexuellen (R)Evolution. Vor allem spielten da wohl aber auch Gruppendynamik und eine gewisse Sensationslust eine große Rolle. Wer mitreden wollte, musste lesen, ob „Shades of Grey“ oder „Feuchtgebiete“. Ich komme vom Land aus einem 200-Seelen-Dorf. Noch vor einigen Jahren war das Wort „Bondage“ dort eben so fremd, wie das Alphabet der Schiiten. Doch ist dank dieser Bestseller mittlerweile sogar die Landbevölkerung auf dem neuesten Stand in Sachen sexuelle Praktik. Das merke ich auch in meinen Lesungen. Wo man 2006 – selbst in den Städten − noch bemüht war, inkognito zu bleiben und inständig hoffte, seinen Nachbarn nicht anzutreffen, verabredet man sich mittlerweile bewusst mit Freunden zu einem netten gemeinsamen Abend.

Eine Frage, die Ihnen sicher oft gestellt wird: Wo finden Sie den prickelnden „Stoff“ für Ihre erotischen Geschichten?

Soviel schon einmal vorweg: Ich betreibe keine Wald- und Feldstudien! Viele denken tatsächlich, ich laufe durch die Weltgeschichte, entdecke einen dunkelhaarigen, gutaussehenden Mann und frage ihn, ob er nicht Zeit für ein spontanes Schäferstündchen hätte (lacht). Die Inspirationen zu meinen Geschichten entspringen natürlich oft meinen eigenen Fantasien, vor allem aber sind es besondere Locations oder aber die kleinen, skurrilen Begebenheiten des Alltags, die sich hervorragend eignen, um sie zu neuen Storys zu verarbeiten. Kürzlich las ich zufällig über diese ferngesteuerten Vibrations-Eier – und schon nahm eine neue Geschichte Form an: Zwei Freundinnen sitzen in einer Bar, beide tragen sie ihre Toys, haben aber die Fernbedienungen vertauscht…herrlich!

Männliche versus weibliche Erotik: Was unterscheidet erotische Literatur aus der Feder einer Frau von der eines Mannes?

Es ist wie im richtigen Leben: Das Vorspiel ist der Knackpunkt. Der Akt steht deutlich im Mittelpunkt. Männer kommen nicht nur schneller zur Sache, sie sind auch direkter in der Sprache und bedienen sich eines eindeutigeren Vokabulars. Wenn es also um „Fotze“ und „Loch-ficken“ geht, ist dies ganz klar auch ein Ausdruck von Macht. Frauen be- und umschreiben eher, lassen Raum für eigene Fantasien und Bilder. Das Wort „Möse“ wird da zum Luststeigernden Stilmittel.
Männer zählen außerdem zur visuellen Spezies, sie sind Voyeure. Nichts ist für sie erregender, als das Anschauen einer Szene, insofern interessiert es sie weniger, ob vor dem Bett weiße Spitzenvorhänge wehen und die Bettwäsche aus rotem Satin ist. Frauen nehmen hingegen über alle Sinne wahr.

Was ist das Rezept für eine gute erotische Story, welche Zutaten braucht es, um Lust zu erzeugen?

Wie jede andere gute Geschichte braucht es auch hier einen roten Faden, einen Spannungsbogen, eine nachvollziehbare Handlung und stimmige Charaktere. Die einzelnen Zutaten sind dann die Details, die diesen erotischen Spannungsbogen durch die Geschichte hindurch transportieren. Wenn ich zum Beispiel ein Zimmer beschreibe, dann zoome ich ähnlich wie mit einer Kamera auf die Details, werde immer kleinteiliger, beginne Bewegungen, Geräusche, Düfte und Haptik zu beschreiben. Ein Beispiel: Es wäre wenig reizvoll, wenn Sie lesen würden: „Sie knöpfte sich ihre Bluse auf.“ Wenn dort aber steht: „Der feine Seidenstoff ihrer Bluse glitt über ihre zart duftende Haut, als sie den oberen Knopf öffnete“, dann entsteht etwas, das alle Sinne anspricht und neugierig macht. Ich bin selbst ein Genussleser, und für alle, die auch mit Genuss Kurzweiliges lesen wollen, schreibe ich meine Bücher und Geschichten.

Grenzenlos offen oder gibt es auch Tabus? Welche pornografischen Genres finden in ihren Büchern keinen Einlass?

Natürlich gibt es auch Tabus, diese sind aber eher moralischer Natur. Ich lehne für mich „Kaviar“ und „Natursekt“ ab, also alles, was mit Fäkalien zu tun hat. Das ist weit entfernt von meinem persönlichen Verständnis von Erotik. Auch das brutale Zufügen von Schmerzen ist nicht meine Sache. Hingegen bediene ich mich thematisch gern auch mal aus dem BDSM- oder Bondage-Bereich, denn es kann unendlich lustvoll sein, mit verbundenen Augen oder gefesselten Händen auf seine übrigen Sinne – das Hören, Schmecken, Fühlen und Riechen − reduziert zu werden.

Der Erotik-Markt hat sich deutlich gewandelt und bedient zunehmend auch die weibliche Kundin. Hat sich das Verständnis von Frauen gegenüber ihrer Sexualität grundsätzlich gewandelt?

Ich glaube, das lässt sich ganz simpel mit einem „Ja“ beantworten: Ohne Nachfrage kein Angebot. Wenn der Bedarf besteht, reagiert irgendwann auch der Handel, und offensichtlich war und ist bei den Damen Bedarf vorhanden! Hier in München fällt es mir immer wieder auf, wie offen die Frauen heute gegenüber der Sexualität sind. Gerade die Damen um die 35, die schon mehrere Beziehungen hinter sich haben, vielleicht auch schon die eine oder andere Ehe, erzählen mir oft von ihren sexuellen Vorlieben oder von ihren Erlebnissen auf BDSM-Portalen. Spannend, alleine dieser Austausch bildet und man lernt noch eine ganze Menge dazu.

Frau Avide, nicht nur Ihre Geschichten sind äußerst anregend, Sie selbst strahlen eine gehörige Portion Erotik aus. Was macht eine Frau sexy?

Vielen Dank! Ich glaube nicht, dass es nur die High Heels oder der rote Lippenstift sind, die eine Frau sexy wirken lassen. Als meine erste Lesung in München bevorstand, habe ich mich natürlich entsprechend vorbereitet. Wir Frauen zwirbeln uns ja gerne auf, bevor wir zu einem wichtigen Termin, Date oder Meeting gehen. So also auch ich, bevor es abends losgehen sollte. Ich hatte ein neues, tolles Kleid angezogen, stellte mich vor den Spiegel, schloss die Augen, holte tief Luft und sagte: „Ich bin heute total erotisch. Wenn ich den Raum betrete, knistert es. Ich haue alle meine Zuhörer um!“ Und wissen Sie was? Es hat funktioniert! Nach der Lesung habe ich unglaublich viel Feedback bekommen, auch, was meine erotische Ausstrahlung betraf. Mit anderen Worten: Es ist vor allem die innere Haltung, das Selbstbewusstsein, die eine erotische Ausstrahlung ausmachen. Und das kann tatsächlich jede lernen, es braucht nur ein bisschen Übung!

„Lust“ bekommen?

Cover - grenzenlose LustViele weitere Informationen von und über die Autorin finden Sie auf ihrer Homepage. Ihre nächste Lesung findet am 17. Juli 2014 in München im „Il Sorriso“ statt.

Und: Der GesVerlag bietet Leseproben als kostenloses E-Book “Leselust” zum Download an, in dem auch die “Verführerische Stunden in Barcelona” aus dem aktuellen Kurzgeschichtenband “Grenzenlose Lust” (Rowohlt Verlag) von Aveleen Avide erschienen ist.

Fotos: Shutterstock, Richard Föhr

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