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Beate Uhse ist 98 Prozent aller Deutschen ein Begriff. Die Unternehmerin, die in der Nachkriegszeit aus ihrem kleinen Flensburger Erotik-Versandhandel ein Imperium schuf, scheint auch nach ihrem Tod beinahe bekannter zu sein als die Bundeskanzlerin.
Doch wisst ihr eigentlich, wie alles begann und mit welchen Problemen und Herausforderungen sich die junge Beate Uhse vor 70 Jahren herumschlagen musste? Anlässlich unseres runden Firmenjubiläums wollen wir euch einen kurzweiligen Einblick in die Geschichte des Unternehmens geben.

Bei Kriegsende ist Beate Uhse gerade 25 Jahre alt, ihr Mann ist gefallen, sie hat einen kleinen Sohn und kaum Aussicht, jemals wieder in ihrem Beruf als Pilotin arbeiten zu können. Vielen geht es schlecht. Ungewollte Schwangerschaften sind nicht selten ein Grund für totale Verzweiflung. Verhütungsmethoden gibt es im Grunde nicht, die Pille ist noch nicht einmal erfunden. Beate Uhse entsinnt sich ihrer aufgeklärten Erziehung (ihre Mutter war eine der ersten Ärztinnen in Deutschland und hatte mit ihrer Tochter offen über Sexualität – und natürliche Verhütung – gesprochen) und vertieft sich in die Knaus-Ogino-Methode zur Berechnung der fruchtbaren Tage im weiblichen Zyklus. Die geschäftstüchtige junge Witwe ergreift ihre Chance, schreibt einen Handzettel mit Verhütungstipps und lässt so das erste Beate Uhse-Produkt entstehen: Die „Schrift X“ verkauft sich 32.000 mal. Der Grundstein für den größten Erotik-Konzern Europas ist gelegt.

 

Original Abdruck der Schrift X aus dem Beate Uhse Archiv in Hamburg
Original Abdruck der Schrift X aus dem Beate Uhse Archiv in Hamburg

Ihr Ein-Frau-Unternehmen trägt zunächst den Namen „Betu-Vertrieb“. Bald schon weitet sie ihren Versand auf größere Städte wie Hamburg und Bremen aus, genauso wie das Sortiment. Nun gibt es auch Kondome und „Ehebücher“. Mit vier Angestellten gründet sie 1951 das „Versandhaus Beate Uhse“. Die Produktpalette erweitert sich gewaltig: Neben Aufklärungsbüchern, Verhütungs- und Dämpfungsmitteln sind nun zunehmend erotische Produkte gefragt, bei denen der Spaß am Sex im Vordergrund steht. Romane wie Liebe oder Terra Incognita sind Bestseller, aber auch die Libido anregende Präparate und Kondome mit Finessen, wie Noppen, Zacken und Kämmen, die die Klitoris verwöhnen, finden reißenden Absatz.

1953 arbeiten bereits 14 Leute für den erotischen Versandhandel. Im selben Jahr, als Beate Rotermund-Uhse (sie hat mittlerweile wieder geheiratet) ihre Firma ins Handelsregister eintragen lässt, macht sie Bekanntschaft mit Polizei und Staatsanwaltschaft. Bis in die siebziger Jahre wird sie über 2.000 Male wegen „Anstiftung zur Unzucht“ angeklagt. In fast allen Fällen geht die Unternehmerin als Siegerin hervor – bis auf ein einziges Mal, als in einem ihrer Sexkinos Bier unter dem gesetzlichen Mindestpreis verkauft worden war.

Freispruch! Beate Uhse nach einer Urteilsverkündung.
Freispruch! Beate Uhse nach einer Urteilsverkündung.

Anfang der 1960er hat die Firma bereits 5 Millionen Kunden. 1962 eröffnet Beate Rotermund-Uhse in Flensburg den ersten Sex-Shop der Welt, damals noch „Fachgeschäft für Ehehygiene“ – auf Anraten ihres Anwaltes kurz vor Weihnachten, da selbst empörte Bürger nun friedlich und vorfreudig gestimmt wären und sich die Empörung danach bestimmt abgekühlt haben würde. Im Jahr darauf folgen Läden in Hamburg und Frankfurt und 1966 sogar der erste Selbstbedienungsladen in Berlin. Fünf Jahre später ist die Vision der Firmengründerin in Erfüllung gegangen: Fast in jeder deutschen Stadt mit mehr als 250.000 Einwohnern steht nun ein „Fachgeschäft für Ehehygiene“, eben ein Beate Uhse-Laden.

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1996 feiert Beate Rotermund-Uhse das 50-jährige Bestehen ihrer Firma – und einen legendären Erfolg, der sich in 466 Mitarbeitern und 135 Millionen Mark Jahresumsatz manifestiert. Es regnet brancheninterne Auszeichnungen und Preise. Gegen Ende der 1990er Jahre zieht sich Beate Rotermund-Uhse langsam aus dem Konzern zurück. Ihren letzten großen Auftritt hat sie im Mai 1999, als die Firma den Börsengang wagt, der zum Kultereignis wird: Frauen im signalroten Outfit verteilen Schokoladenbrüstchen und Champagner in der ehrwürdigen Frankfurter Börse an Banker, Anlageberater und Analysten.

Börsenfeier in Frankfurt 1999.
Börsenfeier in Frankfurt 1999.

Beate Rotermund-Uhse stirbt am 16. Juli 2001 an den Folgen einer Lungenentzündung.
Sie muss zufrieden gewesen sein, denn mehr als alle Zahlen und Ehrungen befriedigte es die Unternehmerin, dass Sexualität und Erotik zu gesellschaftsfähigen Themen geworden waren.

Heute sprechen die Leute offen über Sex, ihre Wünsche und Bedürfnisse. Die Gesellschaft ist aufgeklärt und frei, und in sexueller Hinsicht verdanken wir ein großes Stück davon auch ihr – Happy Birthday, Beate Uhse! Und Danke!

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