BE YOU. interview Saskia Olivieira

Saskia Olivieira - the Curvy Chapter

Zu Zeiten des Barocks war es ein Zeichen von Wohlstand, im Mittelalter ein aufregendes Schönheitsideal, das sogar bis in die 1950er Jahre als sehr sexy angesehen wurde – die Rede ist vom weiblichen Figurtyp. Nach Models wie Twiggy und Kate Moss scheinen ein paar Rundungen an Brust und Hüfte wieder auf dem Vormarsch zu sein. Sind die Curvy Girls nur eine Reaktion auf #fitgirls oder erwartet uns sogar eine Ära, in der Frauen endlich zu ihrer ganz individuellen Figur stehen können?

Eine Frau, die ihre Kurven liebt und sie auch in ihren Social Media-Kanälen mit Stolz zeigt, ist Saskia Oliviera. Und mehr noch: Sie verwendet keine Filter und bearbeitet ihre Fotos nicht nach – alles ist absolut authentisch. Wir haben mit ihr gesprochen.

 – Wer durch seinen Instagram-Feed scrollt, sieht fast nur perfekte Fotos von perfekten Frauen. Mittlerweile weiß jeder, dass diese Bilder selten bis gar nicht der Realität entsprechen. Aber warum faken so viele Frauen ihre Fotos? –

Wer fake ist und wer nicht, möchte ich eigentlich gar nicht beurteilen. Ich denke Frauen stylen sich für sich selbst, aber eben auch für andere. Häufig suchen Frauen Bestätigung bei anderen Frauen. Um up to date zu sein muss man immer am Ball bleiben.

Dabei gehen wir in den meisten Fällen sehr kritisch mit anderen, aber auch uns selbst um. Mit einem Filter kann man der Realität etwas nachhelfen und dann schnell als Fake rüberkommen. Das muss aber nicht unbedingt so sein.

Männer sind allgemein etwas unkomplizierter. Sie sehen eine Frau und finden sie attraktiv. Ihr Blick geht nicht so sehr ins Detail. Frauen dagegen bewerten die Wahl der Schuhe, die Länge des Rocks oder besonders gerne auch, ob das Outfit zur Figur passt.

duits1– Woran liegt das? – 

Frauen spiegeln sich häufig in anderen Frauen. Einige – aber sicherlich nicht alle – fördern ihre eigene Unsicherheit mit negativen Gedanken und werten dann wiederum andere Frauen ab, um sich besser zu fühlen. Diese negative Gedankenspirale muss durchbrochen werden. Das ist nicht immer einfach. Jede Frau ist je nach Situation mal mehr und mal weniger unsicher. Und weil sich diese Unsicherheit in sozialen Medien so gut kaschieren lässt, wird es immer schwieriger, unser wirkliches Ich zuzulassen.

Wer sich zu sehr von anderen beeindrucken lässt, ist schnell geneigt, zu übertreiben. Und dann ist man häufig ganz schnell ganz weit weg von der Realität.

Ich glaube an die reine Schönheit der Frau. Keine Filter, kein Photoshop, keine eingezogenen Bäuche. Das ist verrückt! Wer soll denn da getäuscht werden? Früher oder später kommt das doch sowieso raus. Entspannt Euch und seid einfach Ihr selbst.

– Welche Motivation liegt Ihrem Instagram-Account zu Grunde? 

Tja… das ist ein außer Kontrolle geratenes Hobby (lacht). In Modezeitschriften und Werbekatalogen fand ich einfach keine Teile, die zu mir passten. Ich habe weibliche Hüften, etwas breitere Schenkel und einen dunklen Hauttyp. Diese Kombination ist in der Modewelt nicht vorgesehen. Das ist eine verpasste Gelegenheit, denn die Nachfrage ist ja da. Ich fing an, meinen persönlichen Stil zu dokumentieren und ihn im Curvy Chapter mit der Welt zu teilen.

So teile ich auch meinen Wunsch nach mehr Abwechslung und Vielfalt. Scheinbar stehe ich nicht ganz alleine da, denn ich bekam immer mehr Follower. Instagram gibt mir die Möglichkeit, mich meinen Followern mitzuteilen. Ich zeige mich – meine runden Hüften, meine Dellen und meine Speckröllchen. Das alles gehört nun mal zu mir. Offenbar inspiriere ich viele Frauen dazu, zu tragen, was sie schön finden – unabhängig von ihrer Figur oder ihrer Größe. Das ist die schönste Bestätigung für mich. Ich inspiriere andere Menschen, indem ich einfach ich selber bin.

Dass Menschen mich authentisch finden und sich von mir inspirieren lassen, ist ein tolles Kompliment für mich. Schließlich muss ich dafür nichts machen, außer zu zeigen, was ich schön finde.
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-Schlank sein liegt im Trend! Foodies mit kalorienarmen Rezepten, Fitgirls, die noch vor der Arbeit im Gym schwitzen und Anzeigen voller schlanker Models. Wie schaffen Sie es, diesem Druck nicht nachzugeben?

Ich bin glücklich mit meinem Körper. Ich war auch schon schlanker, fühlte mich aber nicht wohl darin. Ich musste immer sehr viel tun, um schlank zu bleiben und war damit einfach nicht glücklich. In dieser Zeit fühlte ich mich, als könnte man mich gar nicht sehen, wie ich wirklich bin. Gespräche mit Männern blieben meist nur oberflächlich und oft kam schnell die Frage auf, ob wir noch gemeinsam nach Hause gehen. Das ist jetzt anders. Die Gespräche mit Männern sind häufig sehr lustig und humorvoll. Sie drehen sich weniger um Sex und ich fühle mich viel wohler. Wenn Männer heute mit mir nach Hause gehen wollen, weiß ich wenigstens, dass sie sich auch für mich als Menschen interessieren.

Sie sind Mutter eines Sohnes und einer Tochter. In der Pubertät lernen Jugendliche sich selbst kennen und sind leicht beeinflussbar. Schränkt Sie das in Ihrem Social Media-Verhalten ein? – 

Ich gehe sehr offen mit meinen Kindern um. Wenn ich irgendwelche Zweifel wegen eines Posts habe, bespreche ich das vorher mit ihnen. Wenn Sie auch nur den kleinsten Einwand haben, dann lasse ich es.
Mein Sohn mag, was ich tue. Er hat mir letztens erst gesagt, dass er mich jetzt viel schöner findet, als früher, als ich noch schlank war. Ein tolles Kompliment! Obwohl mein Sohn meine Fotos macht, interessiert er sich nicht weiter für die Sachen, die ich im Netz so hochlade.

Meine Tochter ist da schon leichter durch Social Media und andere Medien beeinflussbar. Das macht mir die Bedeutung von Instagram immer wieder bewusst. Sie fühlt sich schnell zu dick, obwohl sie nicht ein Gramm Fett an ihrem Körper hat. Sie sieht die Fitgirls und will sich plötzlich noch gesünder ernähren und noch mehr Sport treiben, als sie es eh schon tut. Ich habe ihr erklärt, dass sie ein sehr gesundes Gewicht hat, und dass sie nicht noch weiter abnehmen sollte. Ich wollte auch wissen, woher sie das Gefühl hatte, zu dick zu sein. Der Kern der Sache ist dann doch wieder der Vergleich mit anderen. Ich sage ihr jeden Tag, wie schön sie ist und wir reden über ihre Stärken und die Individualität von Schönheit. So versuche ich auch, ihr Selbstvertrauen zu stärken und ihr einen positiven Blick auf das Leben mitzugeben.


– Bekommen Sie auch negative Reaktionen auf Ihre Fotos? – 

Klar! Allerdings richten die sich meist auf Dinge, die ich trage – also eher stilbezogene Kritik. Das ist völlig in Ordnung für mich. Über Geschmack lässt sich doch sowieso nicht streiten.

Kritischer sehe ich es, wenn Männer flache und sexistische Kommentare schreiben. Aber auf so etwas reagiere ich gar nicht erst.

Eine ganz bestimmte Nachricht werde ich so schnell allerdings nicht mehr vergessen. Ein Arzt schrieb mir, dass er meine Botschaft schrecklich fand, und dass ich mit meiner Offenheit Fettleibigkeit fördern würde.

Meiner Meinung nach hat dieser Arzt überhaupt nichts verstanden. In meinem Blog und auf Instagram geht es mir nicht um Gewicht oder Gesundheit. Es geht darum, sich selbst zu akzeptieren, ein gutes Gefühl für sich zu entwickeln. Und es geht um Mode, die für jeden Frauentypen zugänglich sein sollte. Es geht um eine positive Lebenseinstellung, Inspiration und Empowerment. Mein Blog ist eher wie ein Gespräch mit einer guten Freundin. Es geht nicht um strikte Regeln, den man folgen soll. Alles kann, nichts muss.

Zum einen ist es natürlich nicht sonderlich schön, solche Mails zu bekommen, zum anderen stimmt die Kritik inhaltlich auch nicht. Es ist einfach nicht wahr.

Mein Motto ist: “Let my haters be my motivators”! Ich arbeite weiter daran, meine Ziele zu erreichen. Alle Frauen sollen sich zeigen dürfen. Auch die mit der sogenannten Fettleibigkeit!

– Gibt es eine Botschaft an alle?

Selbstvertrauen kommt nicht von selbst. Es ist eine ganz persönliche Reise. Ich bin vor 20 Jahren gestartet, um mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Wie das geht? Loslassen … so werden Deine Gedanken frei. Egal, was die anderen sagen – wenn Du tust, was Du liebst, dann bleib dabei! Own it!

Teile ein Bild auf Instagram, auf dem Du so bist, wie Du wirklich bist. Gib anderen Frauen die Möglichkeit, sich selbst in Deiner Echtheit wiederzufinden. Keine Angst, die Reaktionen werden toll sein. Und mal ganz ehrlich: Wenn es Dir Spaß macht, einen Filter zu benutzen, dann benutze einen Filter. Solange Du Du selbst bist, ist doch eigentlich alles in Ordnung.

be you.
Saskia

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Kommentare

  1. “Wer durch seinen Instagram-Feed scrollt, sieht fast nur perfekte Fotos von perfekten Frauen…”
    Aber das liegt doch im Auge des Betrachters. Für mich sind eher Frauen mit deutlichen Rundungen und ausgeprägter Weiblichkeit perfekt – also diejenigen, die von der Modeszenerie und z.T. den Medien eher kritisiert oder gar ausgegrenzt werden. Ich finde die jetzt einsetzende Gegenbewegung zu mehr Formen wunderbar, es bricht eine tolle neue Zeit an!

    | koslover | Reply