durch-zufall-seite-10-kopieEs ist für uns heute kaum vorstellbar, mit welchen Alltagssorgen sich die Menschen direkt nach dem Krieg herumschlugen: Viele Männer waren noch im Krieg, verwundet zurückgekommen und traumatisiert. Die Städte lagen in Schutt und Asche. Nicht wenige hatten kein eigenes Dach mehr über dem Kopf, geschweige denn Arbeit. Wer in dieser Lage überhaupt mal einen Gedanken an Sex verschwendete, bekam es dann auch meistens gleich mit der Angst zu tun – zumindest als Frau – denn jeder Sex bedeutete die Chance, schwanger zu werden. Mit Verhütung kannte sich kaum jemand aus. Im Nationalsozialismus war das Kinderkriegen irgendwie Bürgerpflicht gewesen und die Erfindung der Pille lag noch in weiter Ferne. Hinzu kam, dass über so ein Thema natürlich nicht gesprochen wurde. Guter Rat war also teuer. Jedenfalls bis zum 1. Juli 1948, denn da kostete er ziemlich genau zwei Reichsmark (etwa ein Viertel von dem, was damals für eine Zigarette bezahlt wurde) – und war doch Gold wert!

Beate Uhse, selbst junge Witwe und Tochter einer Ärztin, hatte erkannt, was die Frauen wissen mussten: Sie erinnerte sich an eine natürliche Verhütungsmethode, die ihre Mutter ihr erklärt hatte und die offensichtlich in die Welt gebracht werden musste. Erst einmal ging die aufgeklärte Frau in eine Bücherei, um ihr Wissen zu vertiefen. Da sie das geliehene Buch zu lange behielt, musste sie sogar 20 Pfennig Überziehungsgeld bezahlen, von denen sie später einmal behauptet haben soll, sie wären das beste Investment ihres Lebens gewesen.

Auf einer geliehen Schreibmaschine verfasste Beate Uhse dann auf zwei Doppelseiten die sogenannte Schrift X. Hier erklärte sie die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode, eine Kalendermethode, die heute scherzhaft auch als „Römisches Roulette“ bezeichnet wird, weil sie im Vergleich zu anderen Verhütungsmethoden relativ unsicher ist. Aber damals war sie tausendmal besser als nichts.

Die Methode basierte auf der Annahme, dass es pro Zyklus einen einzigen Eisprung gab. Ein Ei ist etwa zwölf Stunden befruchtbar, Spermien können maximal sieben Tage in der Vagina überleben. Tag 1 des Zyklus ist der erste Tag der Regel. Jetzt muss nur noch gerechnet und notiert werden: Man nimmt die letzten zwälf Zyklen, zieht vom kürzesten Zyklus 18 Tage ab und erhält den ersten fruchtbaren Tag. Dann zieht man vom längsten Zyklus elf Tage hat und kennt den letzten fruchtbaren Tag.

 

Die Schrift X schlug jedenfalls ein, wie kurze Zeit vorher noch die Bomben in Dresden: 32.000 Stück verkauften sich in Windeseile. Und damit hatte Beate Uhse nicht nur ein erstes Tabu gebrochen, sondern auch den Grundstein für ihr Unternehmen gelegt.

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